Zeitreise nach Breslau, das Zentrum Niederschlesiens

Die Bürgerhäuser am Breslauer Marktplatz zeigen den Reichtum und den Glanz vergangener Zeiten, als Breslau als Handelsstadt reich wurde. Die Bürgerhäuser am Breslauer Marktplatz zeigen den Reichtum und den Glanz vergangener Zeiten, als Breslau als Handelsstadt reich wurde.

Von Hannes Krois
Das „Venedig Polens“ heißt Wroclaw.

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Auf Deutsch Breslau. Genau dort, wo die Oder in der Schlesischen Tiefebene sich in mehrere Flußarme teilt und somit gleich 12 verschiedene große Inseln bildet, dort wurde einstens Breslau errichtet. „Gott hat Breslau den Polen gegeben, darum bewahre es gut!“ Heute zählt Breslau 630.000 Einwohner und ist ein Spitzenreiter in Sachen Kultur und Wirtschaft. Alle internationalen wichtigen Konzerne haben seit der Gründung des demokratischen Polens und dem EU-Beitritt des europäischen „Musterschülers Polen“ sich in Breslau wirtschaftlich verankert. Vor Friedrich dem Großen gehörte Breslau und ganz Schlesien zu den Habsburgern. Der Preußenkönig brauchte diese Kornkammer für Preußens Aufstieg und zündelte mit Kaiserin Maria Theresia einen Krieg an. Und weil die Preußen nicht nur die besseren Gewehre hatten, wurde der Großteil Schlesiens im Jahre 1742 preußisch.

Mit Breslau hatte sich Friedrich ein kulturelles und geistiges Juwel gekapert. Am 15.11. 1702 hatte nämlich erst die Universität Leopoldina gestartet. Benannt nach dem deutschen Habsburger-Kaiser Leopold I. Breslau war in diesen Zeiten bereits eine geisteswissenschaftliche Hochburg. Zudem trug der rege Handel soviel ein, daß der historische Kern der Stadt in wunderbarer Fassadenoptik erblühen konnte. Speziell der Marktplatz macht heute Breslau zur kulturellen Top-Stadt Polens. Auf einer Ebene mit Krakau und Danzig. Die original erhaltene Aula der Universität Leopoldina macht in all der Pracht Geschichte lebendig. Im Jahre 1811 wurde diese Wissenshochburg auf Schlesisch Wilhelm-Universität umgenannt. Und am 9. Juni 1946 nach den unsinnigen Kriegen auf Polnische Universität verändert. Dazwischen in den all den Jahren liegt das große Leiden Breslaus. Ich sitze in der September-Sonne in einem der unzähligen Straßencafes am Marktplatz und genieße das wunderbare polnische Bier. Jeder Ziegel, jedes Mauerstück trägt hier seine Geschichte. Die polnischen Mädchen und Frauen wandeln wie Models vorbei. In exkusiven Kostümen, kurzen Röcken und beschwingten Kleidern und hochhackigen Schuhen. Jeans oder sonstige Hosen tragen nahezu nur Touristinnen. Frauen mit Kopftüchern sind hier eigentlich auch nicht vorhanden. Zumal die allermeisten Polen sowieso katholisch sind. Auch organisiertes Betteln ist hier kein Thema.

Die Aula der Universität Leopoldina als Einstieg in die Barock-Epoche.

Der nächtliche Marktplatz mit seinem Wasserbrunnen ist Romantik pur.

Aber noch einige Gedanken zu Breslaus Geschichte: In der preußisch-deutschen Zeit vor dem I. Weltkrieg wurden die Vorstädte Breslaus aus dem Boden gestampft. In kleinsten Unterkünften lebten die Menschen unter ärmlichsten Verhältnissen. Mit Ende des II. Weltkrieges wurde Breslau zur militärischen Festung gegen die Rote Armee erklärt. Somit wurde die Stadt mit ihren festen historischen Mauern zu einem Bollwerk, das schlußendlich von den Panzern und Raketenwerfern der Sowjets Stück für Stück und Mauer für Mauer zerstört wurde. Breslau glich 1945 einer Schutthalte. Es ist nahezu ein Wunder, daß diese Aula Leopoldina in ihrer Gesamtheit heil bleiben konnte. Abgesehen davon war in diesen Zeiten in menschlichen Tragödien verstrickt. Die gesamte deutsche Bevölkerung ging über Leidenswege. Deportation, Lager oder Tod. Das waren die Möglichkeiten. Breslau wurde wiederum mit Menschen aus der Ukraine und besonders aus Lemberg aufgefüllt. Ein schneller Tausch von Besitz, von Häusern und Wohnungen. Niemand fragte nach Recht und Menschlichkeit. Die Uni-Professoren aus Lemberg starteten am 9. Juni 1946 in der Polnischen Universität Breslau mit ihren Vorlesungen. Die deutsche Geschichte und die Sprache Deutsch waren mit einem Schlag beseitigt.

Dann schloß sich für Jahrzehnte der Eiserne Vorhang vor einem Polen in der Sowjet-Diktatur. Überall in der Innenstadt Breslaus gibt es kleine Zwerge-Figuren aus Bronze. Diese Zwerge verweisen auf die Protestaktionen der Studenten gegen das KP-Regime. Als Zwerge verkleidet, protestierten die Breslauer Studenten gegen den kommunistischen Machtstaat. Wie die Danziger Werftsarbeiter haben auch die Breslauer Studenten zu der Befreiung Polens beigetragen. Und auch zwischen Deutschland und Polen stehen alle Zeichen auf Versöhnung. Seit dem Jahr 2003 ist die Universität Köln in einer aktiven Partnerschaft mit der Universität Breslau. Und in Breslau selbst finden tiefe zwischenmenschliche Verbindungen statt. Wie etwa im Einklang der vorhandenen Religionsbekenntnisse: Katholiken, Evangelische, Orthodoxe, Baptisten und Juden. Janusz Witt von der Evangelischen Kirche unterstützt mit all seiner  Kraft die gemeinsame Aktion im „Stadtviertel der gegenseitigen Achtung“ in der Breslauer Innenstadt. Nirgendwo sonst gibt es derart gelebte Dialoge zwischen den einzelnen Kirchen. Man sieht hier die  einzelnen Kirchen wie Stationen, wo Menschen einsteigen können. Der Zug fährt aber insgesamt ab in Richtung Gott.

Am alten Friedhof der Kathedrale ist ein romantischer Gastgarten.

Stolz zeigt der Glaubensvernetzer Janusz Witt seine evang. Kirche.

Der Streifzug durch Breslaus Altstadt ist ein wunderbares Erlebnis. Putzsauber die Straßen und Plätze. Die Häuser historisch getreu renoviert, erstrahlt die Innenstadt im Glanz des einstigen bürgerlichen Reichtums der Händler und Handwerker. Anstatt der bei uns verankerten Handelsketten gibt es in Breslaus Innenstadt zahlreiche Restaurants, Kneipen und Biergärten. Klein und fein ist hier die Devise. Hier treffen sich speziell die zahlreichen Studenten, die an den verschiedenen Breslauer Fakultäten studieren. Viele Restaurants in den historischen Häusern bieten ein Übermaß an Atmosphäre und kulinarische Freuden. Wie etwa schlesische Piroggen mit Topfen oder Fleisch gefüllt. In der Art wie heimische Schlutzkrapfen. Leicht in heißer Butter geschwengt und mit geriebenem Hartkäse bestreut. Dazu mindestens ein wundervolles Bier vom Faß. Ein polnischer Wodka als medizinische Verdauung gehört dazu. Das nächtliche Breslau ist so sicher wie Graz. Die großen, neuen Autos der vorrangig deutschen Gäste stehen in den Straßen der Innenstadt. Autos werden heute woanders gestohlen. Empfehlenswert für die Übernächtigung ist das Hotel Tumski (www.hotel-tumski.eu) mit einem eigenem Restaurant-Boot auf der Oder. Eine ruhige Hotellage an der Oder und ein Standort in unmittelbarer Stadtnähe. Breslau und Niederschlesien ist mittlerweile für Österreichs Wirtschaft zu einem extrem guten Partner geworden. Mittlerweile sind rund 50 österreichische Firmen in Niederschlesien aktiv tätig. Die Fahrt mit dem Auto von Österreich ist keine Hexerei. Die Autobahn in Tschechien über Brünn bis weiter über Kattowitz nach Breslau ist bestens ausgebaut. Lediglich die österreichische Bundesstraße von Wien bis zur tschechischen Staatsgrenze ist salopp gesagt, ein „Stück Balkan“.  Info: Polnisches Fremdenverkehrsamt www.polen.travel.

Am Platz vor der Kathedrale tummeln sich die Städte-Touristen.

Mit den köstlichen Piroggen ist der kleine Hunger schnell besiegt.

Publiziert in Polen

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