Vielmehr Kunst als Sex auf der Reeperbahn

Das St.Pauli Theater gehört zu den historischen Einrichtungen auf der Reeperbahn. Gegründet 1841. Seither ältestes Privattheater Hamburgs. Das St.Pauli Theater gehört zu den historischen Einrichtungen auf der Reeperbahn. Gegründet 1841. Seither ältestes Privattheater Hamburgs.

von Hannes Krois
Von Lust&Laster träumen immer noch einige Binnenländer, wenn Hamburg zum Thema wird. Und dann geht es immer gleich um die Reeperbahn. Wahr ist, daß die Hamburger Reeperbahn nach der Wallstreeet in New York die zweitbekannteste Straße der Welt ist. Was auch immer die Menschen mit der Reeperbahn in Hamburg gedanklich verbinden, alles ist ein wenig anders. Auf Einladung der Stadt Hamburg war ich in kleinster Gruppe dabei, um über Holy Hamburg mit dem „geilsten Weihnachtsmarkt Santa Pauli“ unseren SOJ-Lesern zu berichten. Quer durch Hamburg ziehen sich zahlreiche Weihnachtsmärkte. Bieder, bürgerlich mit Glühweinständen und Lebkuchen. Die Hamburger Bürger treffen sich hanseatisch betulich und höchst elegant.Auf dem „geilsten Santa Pauli Weihnachtsmarkt“ geht es nicht weniger hanseatisch zu. Glühwein, nette Leute rundum. Freche Sprüche auf den Weihnachtsbuden sowieso und anstatt der Lebkuchen dort und da ein paar Dildos aus Marzipan oder Schokolade. Wer glaubt, daß sich Hamburg wegen Santa Pauli „aufgeilt“, der irrt gewaltig. Die Reeperbahn in Hamburg ist diese 930 Meter lange Meile zwischen dem Millerntor und dem Nobistor mit Einbindung in die Königstraße. Dazwischen die sogenannte Herbertstraße, die ihre eigene Sperrzone aufweist. Hier sitzen in beleuchteten Schaufenstern die Edelnutten von St.Pauli. Attraktive und sexuell neigungsorientierte junge Frauen, die ihre Geschäfte in den Hinterräumen der Schaufenster wohl perfekt absolvieren. Das war auch früher schon so. In den Clubs und diversen Erotik-Adressen gibt es noch Sex&Schampus. Doch insgesamt ist die Reeperbahn zahm geworden. Dafür umso intensiver, was Theater, Shows und Varieté betrifft. Der Broadwayhit-Erfolg „Kinky Boots“ startete gerade mit seiner Premieren-Vorstellung. Ein lustig-witziges und auch nachdenkliches Musical über einen Schuhfabrikanten-Erben, der den familiären Betrieb nur mehr mit Sex-Stiefeln vor dem Konkurs retten kann. Musikalisch und theatralisch bemerkenswert gut in die deutsche Fassung hinüber gerettet. Somit erfolgreich und sehenswert im Stage Operettenhaus Hamburg (www.musicals.de) direkt am Spielbudenplatz an der Reeperbahn. Solch eine Reeperbahn hatten früher alle Hafenstädte im Norden. Dort wurden auf der Reeperbahn die Seile für die Schiffe händisch gedreht. Es war in diesen Zeiten außerhalb der Stadt Hamburg ein Ort auch der Armen und Schausteller. Am Spielbudenplatz zeigten Gaukler ihr Können und Frauen ihr Intimstes für Geld zum Überleben. Irgendwie wurde die Reeperbahn dann doch züchtig. Doch während der Franzosenkriege wurde dieser Erlaß aufgehoben und die Reeperbahn holte sich in der Folge jenen Ruf, den sie immer noch hat. Immerhin fanden auch die Beatles in dieser Straße ihren großartigen Start. Der legendäre Hans Albers sang die schönsten Seemannslieder und hat dafür sein eigenes Denkmal am Hans Albersplatz. Als Dank der Stadt auch einen Weihnachtsbaum gleich neben der Statue des berühmten Künstlers. Die Ufer der Elbe sind nicht weit. Hoch interessant der Fischmarkt und die Landungsbrücken. Hier präsentieren sich die kleinen Bis- tros und Bierstuben aneinandergereiht. Ein Geheimtipp ist „Brücke 10“ mit seinen Fischbrötchen. Die herrlichsten Krabbenbrötchen, die es nur geben kann. Diese werden hier natürlich mit den Nordseekrabben serviert. Dazu die regionalen Biere, erstklassig. An den St.Pauli Landungsbrücken starten auch die Hafenrundfahrten. Weiters die Fleetfahrten samt Speicherstadt. Ganz individuell auch mit einer Kiste Bier an Bord. Am Störtebeker-Denkmal in der Speicherstadt erfährt man dann alles aus der Lebensgeschichte dieses Draufgängers. Die Stadtväter der Hanse-Stadt Hamburg hatten immer schon ihre Prinzipien. Diese konnte auch der Seeräuber Klaus Störtebeker nicht aus den Hebeln bringen. Nordische Ruhe herrscht auch im sogenannten Schanzenviertel rundum Fernsehturm und Messeplatz. Ruhe und Gelassenheit dort in den kleinen Geschäften kleiner Jungunternehmer. Die Kuchen und Törtchen in der kleinen Konditorei mit Vanillecreme und Erdbeeren lächeln geradezu den Kunden und Gästen entgegen. „Old England“ könnte man direkt meinen. Die Hamburger sind unter all den Deutschsprachigen wohl am meisten mit britischen Lebensformen verbunden.
Vergessen hat man aber im Schanzenviertel keineswegs diesen 8. Juli 2017. Über Stunden machten hier die Linken regelrecht Krieg. Hamburg versank in ein Chaos. Feuer in den Straßen. Schüsse und der Asphalt brannte. Geschäfte wurden geplündert und zerstört. Autos angezündet. Die Vermummten schrien Parolen gegen den Kapitalismus. Hier beim sogenannten „Hamburger Schulterblatt“. Vor vielen Jahren hatte hier ein Wirt einem Walfänger ein Schulterblatt eines Wales gegen Essen&Bier eingetauscht. Der Name „Schulterblatt“ überdauerte viele Jahre. Den G 20 Gipfel vergessen die Hamburger nicht. Allerdings streichen die Hamburger diese Untaten aus ihrer Geschichte. Das Schanzenviertel war mit seinen Viehmarkthallen und Schlachthöfen ein Bereich der Arbeiter. Trotz der Randalierer entwickelt sich dieser Bezirk zu einem kulinarischen „Nähkästchen“ der Hansestadt. Neue Lokale mit dem Zuspruch von jungen und kreativen Gästen. In der sogenannten Flohschanze auf dem Gelände der alten Rinderschlachthalle gibt es jeden Samstag einen fantastischen Trödelmarkt. Gleich um die Ecke ist das Restaurant Bullerei von Fernsehkoch Tim Mälzer.
Der allgemeine Durst und die Lust nach deftiger Biergasthausküche bringt uns zum Braugasthaus „Altes Mädchen“. Freddy Quinn hatte einstmals Hamburg als „Altes Mädchen“ liebevoll besungen. Daß Freddy ein Wiener ist, das ist in Hamburg nicht so wichtig. Hamburg ist als Hafenstadt an alle Nationalitäten gewöhnt. Nach einer Bierbrauer-Info gibt es hier eine ausführliche Bierverkostung der Ratsherrn-Faßbiere. Im einzigartigen Biershop sind unglaublich gute Biere erhältlich. Das Braugasthaus setzt auf regionale Spezialitäten und natürlich Bier in jeder Größe und Art. Wer von hier durstig weggeht, der ist selber schuld.
Leicht erreichbar mit der U- und S-Bahn das Scandic Hotel Hamburg Emperio am Dammtorwall im Zentrum am Gänsemarkt. Die Sauna in der Hotel-Wellnessanlage bringt das unglaublich gute Bier dann doch zum „Verdunsten“...

Die Herbertstraße ist immer noch „Rückzugsmeile“ für „böse Jungs“.

Der „allergeilste Weihnachtsmarkt Santa Pauli“ war höchst konservativ.

Die Legende Hans Albers hat auch einen Weihnachtsbaum bekommen.

Die besten Krabbenbrötchen gibt es auf Brücke 10 der Landungsbrücken.

Die linken Kravallbrüder machten hier totalen Krieg beim G 20 Gipfel.

Süffige Biere gibt es im Bier-Shop des Braugasthauses „Altes Mädchen“.

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